Pisa-Studie

Dachverband der Pflichtschul-Elternvereine
 

Stellungnahme zu den Ergebnissen der PISA Studie

 

Die PISA-Studie 2000 zeigte, dass Österreichs SchülerInnen mit ihren Leistungen vor 3 Jahren
im OECD-Mittelfeld lagen. Die damals aufgezeigten Defizite führten zur Einrichtung der
Zukunftskommission, der Aktion klasse:zukunft, der Entwicklung von Bildungsstandards sowie
Testverfahren bezüglich der Lesekompetenz. Trotzdem sind die Schülerleistungen 3 Jahre
später im Rahmen von PISA 2003 wieder nur mittelmäßig und sogar im Vergleich zur letzten
Erhebung signifikant schlechter geworden.
 

Die Zukunftskommission hat eine detaillierte Bestandsaufnahme des österreichischen
Schulsystems vorgenommen und Lösungsvorschläge ausgearbeitet, die zum Großteil noch
nicht umgesetzt wurden. Wir erwarten, dass eine Gesamtreform unseres Schulsystems im
Sinne dieser Ergebnisse in Angriff genommen wird.
 

Klar erkennbare Erfolgsfaktoren der PISA-Spitzengruppe sind vorschulische
Bildungsangebote, eine starke Individualisierung und innere Differenzierung des Unterrichts,
kleine Leistungsunterschiede zwischen SchülerInnen / Standorten / soziologischen Gruppen,
ganztägige Angebote mit einem warmen Mittagessen, Schullaufbahnentscheidungen nicht vor
12 Jahren sowie regelmäßige Evaluierung der Schulqualität.
 

Defizite des Österreichischen Schulwesens sind eine erschreckend anwachsende
Risikogruppe mit extrem schwachen Leistungen, große Leistungsunterschiede und
uneinheitliche Schulqualität, sinkendes Bildungsniveau, mangelnde Lernmotivation sowie
didaktisch-methodische Schwächen.
 

Zur Steigerung der Schulqualität fordern wir Eltern folgende Maßnahmen:
• Vorschulische Bildungsangebote ausbauen
• Individuelle Förderung verstärken
• Qualität des Unterrichts steigern
• Zu frühe Schullaufbahn-Entscheidung vermeiden
• Integration bedarfsgerecht ermöglichen
• Deutschkurse bedarfsgerecht anbieten
• Bildungsstandards ergänzen
• Wiederholen vermeiden
• Ganztägige Angebote bedarfsgerecht anbieten
• Schulklima verbessern, Schulpartnerschaft stärken
• Ausbildung verbessern, Weiterbildung verpflichtend machen
• Ausreichend Ressourcen sicherstellen
 

Die detaillierte Stellungnahme:
 

1. Erfolgsfaktoren

Aus den Ergebnissen der PISA-Studie lassen sich folgende Erfolgsfaktoren der Schulsysteme
der Länder der Spitzengruppe ableiten:

• Vorschulische Bildungsangebote (Kindergarten) für möglichst alle Kinder 1 bis 2 Jahre vor dem Schuleintritt
• Individualisierung und innere Differenzierung des Unterrichts
• Individuelle Fördermaßnahmen für Interessen, Begabungen aber auch bei Defiziten
• Ganztägige Schulformen bzw. qualifizierte Nachmittagsbetreuung mit einem warmen Mittagessen und einer mittäglichen Erholungspause
• Schullaufbahnentscheidung nicht vor 12 Jahren
• Hohes Maß an Autonomie der Schulen / Gemeinden bezüglich pädagogischer, struktureller und personeller Entscheidungen
• Wenig Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft der SchülerInnen und ihren schulischen Erfolgen
• Wenige bis keine SchülerInnen, die am Ende der Pflichtschulzeit bereits aus dem System herausgekippt sind
• Kleine Risikogruppen mit auffallend schwachen Leistungen, großer Anteil an SchülerInnen mit guten Leistungen
• Wenig Unterschied zwischen den Leistungen ausländischer und inländischer SchülerInnen
• Regelmäßige Evaluierung und Entwicklung der Schulqualität
 

2. Defizite des Österreichischen Schulwesens

Ebenso sind die für uns Eltern wesentlichen defizitären Bereiche des Österreichischen Schulwesens klar erkennbar:
• 5,7% der 15-Jährigen befinden sich in keinem Ausbildungssystem
• 20% der SchülerInnen zählen zur Risikogruppe, deren Lernprobleme mit traditionellen Förderkursen nicht behebbar sind. Diese Gruppe hat sich innerhalb von 3 Jahren um 6% vergrößert und umfasst nun rund 18.000 Jugendliche, die sich zum Großteil in Polytechnischen Schulen und Berufsschulen befinden.
• Auffallend große Unterschiede zwischen den schwächsten und besten Leistungen, klarer Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft der SchülerInnen und ihren schulischen Leistungen
• Auffallend große Unterschiede zwischen den Leistungen inländischer und ausländischer SchülerInnen (2/3 sprechen zu Hause nicht Deutsch)
• Auffälliges Leistungsgefälle zwischen AHS / BHS einerseits und BMS / BS / PTS anderseits
• Große Leistungs-Unterschiede zwischen den einzelnen AHS- und HS-Standorten. Zum Teil weisen HS in ländlichen Regionen ein wesentlich höheres Leistungsniveau auf als städtische AHS
• Das ungelöste Problem der 9. Schulstufe: Heillos überfüllte Klassen in der BHS (2/3 über 36 SchülerInnen), Problem-Konzentration in der PTS
• Sinkende Lesekompetenz der Burschen
• Tiefstand der Motivation der Mädchen für Mathematik

 

3. Maßnahmen zur Steigerung der Schulqualität in Österreich

Vorschulische Bildungsangebote ausbauen

Möglichst alle Kinder sollen zumindest ein Vorschuljahr (Kindergarten) vor dem Schuleintritt
absolvieren. Dies muss in die Zuständigkeit des Bildungsministeriums gelegt werden, wie das
auch in anderen Staaten praktiziert wird. Allfällige Elternbeiträge (z.B. für Mittagessen) müssen
bundeseinheitlich sozial gestaffelt und aus Bundesmitteln gestützt werden. Auch die Errichtung
und Ausstattung dieser Einrichtungen muss mit Bundesmitteln mitfinanziert werden.
Diese Maßnahme würde die individuellen Unterschiede zwischen den Kindern vor der
Volksschulzeit besser ausgleichen. Entwicklungsdefizite würden früher erkannt und
wirkungsvoll abgebaut werden.
 

Individuelle Förderung verstärken

Die optimale individuelle Förderung bei Lernschwächen aber auch hinsichtlich Interessen und
Begabungen in Kleingruppen, in Arbeitsgruppen bzw. mit Teamteaching ist unbedingt
auszubauen. Steigende Klassenschülerzahlen (bis zu +20%) und gekürzte Stundenressourcen
(-120.000 Wochenstunden für Qualitätsmaßnahmen) stehen im Widerspruch dazu und
erschweren es, auf die spezifischen Bedürfnisse der Schüler ausreichend einzugehen. Die
erforderlichen Ressourcen in Form von zweckgewidmeten Stundenkontingenten für gezielte
Fördermaßnahmen müssen allen Schulen zur Verfügung gestellt werden.
Die Zukunftskommission hat besorgniserregende Defizite im Bereich der Förderpädagogik
festgestellt, die durch eine Fortbildungsoffensive beantwortet und auch viel stärker in die
Ausbildung verankert werden müssen.
 

Qualität des Unterrichts steigern

Es wäre zu kurz gegriffen, die Qualität des Unterrichts auf die Frage der Zeugnisnoten zu
reduzieren. Wir Eltern fordern die Verantwortung der LehrerInnen für die Erreichung der
Lehrziele und Bildungsstandards sowie die Nachhaltigkeit des Unterrichts, also das Recht aller
SchülerInnen auf qualitätsvollen Unterricht. Wir fordern kindgerechte Lehr- und Lernformen
(handlungsorientiert, themenzentriert, altersgemäß), die motivierend und leistungssteigernd
wirken, weil sie die natürliche Neugier und den Forscherdrang der Kinder nützen.
Die Unterrichtsqualität muss durch strategisches Controlling regelmäßig evaluiert werden:
Systematische und verbindliche Qualitätsentwicklung mit regelmäßiger externer Datenerhebung
sowie Analyse, Auswertung und Rückmeldung dieser Daten. Das Ergebnis muss zu einer
intensiven Diskussion an den Schulen / in den Gremien der Schulpartnerschaft über Stärken
und Schwächen führen sowie die Entwicklung von gezielten Maßnahmen zum Abbau von
Defiziten beschleunigen. Auch diese Maßnahmen müssen evaluiert und bei Bedarf nachjustiert
werden. Die Schulpartner sind an diesem Prozess verpflichtend zu beteiligen.
Verständliche, altersgemäße und für die Eltern nachvollziehbare Schulbücher sowie
Unterrichtsmaterialien für die Hand der Kinder sind ebenfalls ein wichtiger Qualitätsfaktor und
müssen von der Schulbuchkommission in Kooperation mit den Verlagen und AutorInnen forciert werden.
Hohe Schulqualität bedingt auch motivierte LehrerInnen mit optimaler Aus- und Fortbildung
sowie einem Arbeitsumfeld, das den Herausforderungen einer zukunftsorientierten Schuleentspricht.

 

Zu frühe Schullaufbahnentscheidung vermeiden

Nach Meinung vieler ExpertInnen sollte die Entscheidung bezüglich der weiteren Schullaufbahn
nicht bereits mit 10 Jahren sondern erst später erfolgen. Dies ist im OECD-Raum unabhängig
von den politischen Verhältnissen mehrheitlich gelebte Praxis. Die Nahtstellen-Probleme in
Österreich sind vielfältig: Städtische AHS sind meist undifferenzierte gesamtschulartige
Eintopfschulen mit übervollen Klassen, HS in Ballungsräumen oft Restschulen mit hohem
Problempotenzial, HS in ländlichen Regionen weisen oft ein sehr hohes Niveau auf. Es ist
notwendig, im Interesse der Kinder über eine Verlängerung der derzeitigen gemeinsamen
Schulform (Volksschule) nachzudenken.
In jedem Fall ist ein intensives System der inneren Differenzierung (heterogene Arbeitsgruppen,
Kleinstgruppen, Teamteaching, usw.) für die gesamte Sekundarstufe 1 (10 – 15 Jahre) so rasch
als möglich zu entwickeln.
 

Integration bedarfsgerecht ermöglichen

Maximal 2,7% der Kinder pro Jahrgang dürfen laut Finanz- und Bildungsministerium
sonderpädagogisch betreut werden. Bundesweit liegt der tatsächliche Bedarf bei 3,3%, in den
Ballungsräumen über 4%.
Vor den Kürzungen sahen die Landesgesetze 16 - 18 SchülerInnen + 4 Integrationskinder in
einer I-Klasse vor. Jetzt sind es 22 - 24 + 4 Integrationskinder (+25%).
Durch den Lehrer-Abbau mussten SpeziallehrerInnen als klassenführende LehrerInnen
eingesetzt werden und stehen nicht mehr für ihr Spezialgebiet der Betreuung von Integrations-
kindern zur Verfügung.
Auch für diesen Bereich fordern wir zweckgewidmete Stundenkontingente entsprechend dem
tatsächlichen Bedarf, der in allen Regionen präzise erhoben und abgedeckt werden muss.
 

Deutschkurse bedarfsgerecht anbieten

Die Mittel für eine ausreichende Zahl an Deutschkursen für Ausländerkinder, besonders für
Quereinsteiger, müssen zielgerichtet und bedarfsgerecht in Form von zweckgewidmeten
Stundenkontingenten den betroffenen Schulen zur Verfügung gestellt werden.
 

Bildungsstandards ergänzen

Bildungsstandards sind eine Orientierungshilfe für Lehrer, Schüler und Eltern, dienen nicht nur
der Überprüfung des Faktenwissens der SchülerInnen sondern müssen auch Kommunikation,
Selbstständigkeit, Kreativität, Soziales Lernen, Projektarbeit, usw. berücksichtigen. Um Defizite
und Lernlücken der SchülerInnen rechtzeitig durch gezielte Förderprogramme abbauen zu
können, müssen die Bildungsstandards auch für die 3., 7., und 11. Schulstufe entwickelt werden.
 

Wiederholen vermeiden

Neben der Ausweitung der Bildungsstandards für die 3. und 7. Schulstufe muss ein effektives
Frühwarnsystem bestehende Defizite rasch erkennen, analysieren und mittels Beratung der
Eltern sowie SchülerInnen und gezielten Fördermaßnahmen abbauen.
Eine transparente und informative Leistungsbeurteilung, die alle Kriterien von Anfang an offen
legt, ist eine weitere Voraussetzung für das Vermeiden des Repetierens.

 

Ganztägige Angebote bedarfsgerecht anbieten

Die Eltern und Kinder müssen das Recht auf ganztägige Betreuung erhalten, allerdings bei voller Wahlfreiheit.
Betrieb und Errichtung eines bedarfsgerechten Angebots an ganztägigen Schulformen bzw.
qualifizierter Nachmittagsbetreuung müssen auch aus Bundesmitteln mitfinanziert werden,
damit die Gemeinden in der Lage sind, ein entsprechendes Angebot zu stellen. Die
Elternbeiträge sind bundeseinheitlich sozial zu staffeln.
Eine wichtige Forderung ist die Ausweitung des Betreuungsangebots auf die Ferienzeiten.
 

Schulklima verbessern, Schulpartnerschaft stärken

Zahlreiche Studien weisen den direkten Zusammenhang zwischen Schulklima und Schulerfolg
nach. Gerade deshalb dürfen „gelebte Schuldemokratie und Schulpartnerschaft“ nicht zu
Schlagworten verkümmern. Die konstruktive Kommunikation zwischen LehrerInnen,
SchülerInnen und Eltern ist genauso wichtig, wie zweckmäßige Arbeitsräume und zeitgemäße
Arbeitsmittel für die SchülerInnen.
Die Grundeinstellung „jedes Kind wird optimal gefördert“ und „wir arbeiten gemeinsam und
konstruktiv an der ständigen Verbesserung der Schule“ muss die derzeit noch immer
herrschende hierarchische Struktur ablösen.
 

Ausbildung verbessern, Weiterbildung verpflichtend machen

Ein Betrieb mit rund 70.000 MitarbeiterInnen benötigt ein klares Personalentwicklungskonzept
mit einer effektiven Aus- und Weiterbildung. Besonders die schulinterne Lehrerfortbildung muss
sich mit Fragen, wie Förderpädagogik, Individualisierung des Unterrichts,
Qualitätsmanagement, Schuldemokratie, Kommunikation zwischen den Schulpartnern, usw. befassen.
Auch ein ausreichendes Angebot für eine verpflichtende Ausbildung von LeiterInnen und der
Schulaufsicht ist dringend erforderlich.
 

Ausreichend Ressourcen sicherstellen

Der Dachverband der Pflichtschulelternvereine hat bereits Anfang Oktober das Ergebnis der
Bürgerinitiative für Schulqualität an Nationalratspräsident Dr. Andreas Khol übergeben. 2/3 der
Pflichtschulelternvereine sagen mit knapp 90.000 Unterschriften ein klares „Nein“ zu weiteren
Kürzungen und fordern den Ausbau der Schulqualität.
 

Kurzfristige Maßnahmen

Das Ergebnis der Finanzausgleichsverhandlungen ist ein erster Schritt in die richtige Richtung,
greift aber noch viel zu kurz. Die bisher erfolgten Kürzungen von 120.000 Wochenstunden
haben wesentliche Elemente der individuellen Förderung empfindlich zurückgeschraubt:
Förderunterricht sowie Interessens- und Begabungsförderung in Kleingruppen, Deutschkurse
für Ausländerkinder und sonderpädagogische Förderung. Und das alles bei bis zu 20%
gestiegenen Klassenschülerzahlen.
Die sogenannten Strukturveränderungen der Personalkosten, also die Gehaltsvorrückungen
und Steigerungen, müssen noch – wie von Finanz- und Bildungsministerium angekündigt – in
Form einer Budgetüberschreitung abgedeckt werden. Sollte dies entgegen allen
Versicherungen nicht geschehen, würde es den zusätzlichen Abbau von zumindest 60.000
Wochenstunden (rund 2.500 Dienstposten) bedeuten. Das sind noch einmal 50% der bereits
erfolgten Kürzungen und das Ende der Schulqualität an Österreichs Pflichtschulen.^

Langfristige Maßnahmen

Die parteipolitische Außerstreitstellung von Bildungsfragen und die konstruktive
Zusammenarbeit von Politik, Wissenschaft, Schulpartnern, Wirtschaft und Sozialpartnern im
Interesse unserer Kinder ist dringend notwendig.
Wir Eltern fordern den sofortigen Start eines tiefgreifenden Schulreformprozesses unter
Einbeziehung aller relevanten Gruppen mit ergebnisorientierten Verfahrensweisen. Das Ziel
dieser Entwicklungsarbeit muss ein nationaler Bildungsplan sein, der die inhaltlichen,
strukturellen und finanziellen Voraussetzungen für qualitätsvolle Bildungsangebote langfristig sicherstellt.

Verfasser: Maria Smahel (Geschäftsführerin), Kurt Nekula (Vorsitzender)

 Dachverband der Elternvereine an öffentlichen Pflichtschulen, 1010 Wien, Spiegelgasse 3